Muss mein Arbeitgeber mir Tarif bezahlen?

Sie arbeiten im Einzelhandel und möchten wissen wie viel Gehalt Ihnen zusteht? Im Einzelhandel gibt es zwar einen Tarifvertrag, dem aber nicht alle Arbeitgeber im Einzelhandel unterliegen und der darüber hinaus auch nicht als allgemeinverbindlich für alle Arbeitgeber gilt. Dennoch orientieren sich die meisten Arbeitgeber trotzdem am Tarifvertrag und am regionalen Tarifabschluss.

Der Tarifvertrag wird zwischen Arbeitgeberverbänden (z.B. Handelsverband Deutschland) und Gewerkschaften (z.B. Verdi) geschlossen. Die großen „Player“ im Einzelhandel REWE, PENNY, ALDI, LIDL und real,- sind Mitglieder im Arbeitgeberverband und unterliegen einer Tarifbindung. EDEKA besteht überwiegend aus selbstständigen Kaufleuten, die keiner Tarifbindung unterliegen. Dasselbe gilt für die selbstständigen Kaufleuten der REWE. Das bedeutet allerdings nicht, dass nur Mindestlohn in Höhe von 8,84 € gezahlt wird. Die meisten Arbeitgeber, die nicht der Tarifbindung unterliegen, orientieren sich an regionalen Tarifabschlüssen oder zahlen teilweise auch übertariflich.

Am Beispiel des Tarifabschluss von ver.di (2017 – 2019, NRW) wird im folgenden erklärt, wie dieser zu lesen und wie viel Gehalt je nach Position üblich ist.

Der Tarifabschluss hat insgesamt drei Spalten:

bis 30.06.2017

ab 01.07.2017

ab 01.05.2018.

Das bedeutet, dass das Gehalt jährlich angepasst wird. Hinzu kommt eine Anpassung durch Berufs- und Tätigkeitsjahre. Berufsjahre werden durch Berufserfahrung gesammelt während sich Tätigkeitsjahre nur auf die ausgeübte Tätigkeit beziehen. Wenn jemand also von einer Marktleiter-Assistenz-Position (Gehaltsgruppe III, 5. Tätigkeitsjahr) zum Marktleiter aufsteigt, fängt man theoretisch im 1. Tätigkeitsjahr an, denn es handelt sich um eine neue Tätigkeit als Marktleiter.

Erfolgt eine Eingruppierung als Angestellter ohne kaufmännische Ausbildung, ist nach dem 3. Jahr der Tätigkeit nicht Schluss bei 1.777 € brutto (ab 01.07.2017), sondern es folgt der Übergang in die Gehaltsgruppe I (Verkäufer, Kassierer) in das 3. Berufsjahr über. Diese Gehaltsgruppe liegt zum aktuellen Zeitpunkt bei 1.985 € brutto. Findet nach erfolgreich bestandener Ausbildung eine Übernahme als Verkäufer statt, bedeutet das eine Eingruppierung in die Gehaltsgruppe I im 2. Berufsjahr. Bei einer Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann/-frau bedeutet das im 3. Berufsjahr eine Eingruppierung in die  Gehaltsgruppe I.

Die Tarife sind in verschiedenen Gruppen unterteilt:

  • Angestellte ohne kaufmännische Ausbildung
  • Gehaltsgruppe I (Verkäufer, Kassierer)
  • Gehaltsgruppe II (Erstkräfte)
  • Gehaltsgruppe III (Substitute, Stellvertreter, Verwalter) mit Gehaltsstaffel a), b) und c)
  • Gehaltsgruppe IV (Leiter, Filialleiter, Marktleiter) mit Gehaltsstaffel a), b) und c)
  • Löhne Lohngruppen
  • Vergütung für Auszubildenden

Die Gehaltsstaffeln bedeuten:

a) ohne oder mit in der Regel bis zu 4 unterstellten fest angestellten Vollbeschäftigten einschließlich der Auszubildenden
b) mit in der Regel mehr als 4 bis zu 8 unterstellten fest angestellten Vollbeschäftigten einschließlich der Auszubildenden sowie Kassierern
c) mit in der Regel mehr als 8 unterstellten fest angestellten Vollbeschäftigten einschließlich der Auszubildenden

Die Anzahl der Vollzeitbeschäftigten ermitteln Sie so: Gesamtarbeitsstunden / 163. Auf diese Art werden Teilzeitbeschäftigte in den Berechnungen berücksichtigt.

Das bedeutet, dass die Höhe des Gehalts einer Führungskraft auch von der Anzahl der Führungskräfte abhängt. Bei Discountern ist die Personalstärke geringer. So kann es sein, dass Sie als Marktleiter bei ALDI mit 4 – 8 Vollzeitbeschäftigten (umgerechnet von TZ auf VZ!) in die Gehaltsgruppe b) eingruppiert werden.  Nach dem 5. Tätigkeitsjahr verdienen Sie 3.971 € brutto (ab 01.07.2017). Da bei den Supermärkten i.d.R. mehr als 8 Vollzeitbeschäftigte sind, wird eine Eingruppierung in die Gehaltsstaffel c) vorgenommen. Das wären 4.820 €, also fast 1.000 € brutto Unterschied durch die tarifliche Eingruppierung. Führung bedeutet Verantwortung und das macht sich verständlicherweise im Lohn- und Gehaltstarifvertrag bemerkbar. Hinzu kommen für Führungskräfte Prämien für Umsatz-, Ertrags- und andere individuelle Zielvereinbarungen. Diese sind allerdings nicht im Tarifvertrag geregelt, sondern häufig über Betriebsvereinbarungen, die zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber geschlossen werden.

Sie arbeiten in Teilzeit? Einfach im Dreisatz ausrechnen: Gehalt x Ihre Wochenstunden/37,5 Stunden.

 

Wie Eingangs gesagt, wird der Tarifvertrag zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften geschlossen. Daher muss ihr Arbeitgeber nur nach Tarif bezahlen, wenn dieser im Arbeitgeberverband ist und strenggenommen müssen Sie als Mitarbeiter Mitglied in der Gewerkschaft sein. Dennoch ist es üblich, dass auch Nicht-Mitglieder einer Gewerkschaft tariflich bezahlt werden. In vielen Branchen liegt das an der Allgemeinverbindlichkeit, im Einzelhandel ist dies weniger der Fall. Nur was hätte zur Folge, wenn Sie als Mitarbeiter zwangsläufig Gewerkschaftsmitglied sein müssen? Genau, dann würden Sie sich in der Gewerkschaft anmelden.

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